Ein weiteres Problem ist in der Geschichte des Faches begründet. Die Vor- und Frühgeschichte unserer Vorfahren zu schreiben, ist seit den Anfängen der Historiographie im mitteleuropäischen Raum schwer belastet: Sicher schon vor dem 15. Jahrhundert, besonders aber während der Reformation und der Gegenreformation und im 30jährigen Krieg, gingen wichtigste Dokumente verloren, die auch über viel mehr Einzelheiten zur frühen Geschichte der Völker des nordmitteleuropäischen Raums im ersten Jahrtausend nach Christi Geburt und vielleicht sogar aus früheren Zeitspannen hätten Auskunft geben können. Im 15. und 16. Jahrhundert wurden Schriften der Antike sowie des Frühen und Hohen Mittelalters nicht nur verfälscht, sondern wohl auch neu verfasst. Was z.B. von Poseidonius und teilweise auch von Plinius d.Ä. über die Germanen noch vorhanden war, wurde im Sinne der Renaissance, die das Christentum mit seiner Moral nicht umgehen durfte, "entsorgt" und neu geschrieben. Die Vorfahren aller Völker und Volksstämme im nördlichen Europa seien unzivilisierte, kultur- und schriftlose Barbaren gewesen, denen man schon deshalb keine technischen Hochleistungen zutrauen konnte. Besonders negativ sei dabei noch zu bewerten, dass einige von ihnen sogar Nachfahren der Wandalen gewesen seien, die während der Völkerwanderungszeit, zum Unterschied von anderen germanischen Volksstämmen, wegen ihres arianischen Glaubens schärfste Gegner der katholischen Glaubensrichtung waren. Dieser frühe Glaubenskrieg hatte noch viel später zur Folge, dass alle Nachfahren der alten Bewohner durch ein im Jahre 1739 von der Academie Francaise erstmals definiertes Schimpfwort des "Vandalismus" bewusst verteufelt wurden. Mit der täglichen Verwendung dieses Begriffes als Synonym für mutwillige, sinnlose Zerstörungen wird noch heute in Deutschland fälschlicherweise die Erinnerung an einen Stamm der eigenen Vorfahren besudelt.
Solcherlei Axiome - seit Jahrhunderten von einer Forschergeneration auf die nächste übertragen - , begründen den Fortbestand eines Geschichtsbildes, das aus einer Zeit stammt, in der man die Erde, anders als in der Antike, als Scheibe interpretierte. Im Folgenden sollen einige dieser bis heute mitgeschleppten Fehlinterpretationen von archäologischen Befunden beschrieben werden, die zum großen Teil aus dem Bereich früher Eingriffe in die Naturlandschaft, vorwiegend mittels Wasserbauten, stammen.
Der Mühlenstau des Mittelalters und das Elbe-Hochwasser 2002.
Nach dem Jahrhunderthochwasser im Flussgebiet der Elbe im Sommer 2002, aber auch dem
Oderhochwasser im Jahre 1997 hat eine lebhafte Diskussion eingesetzt. Darin spielt ebenfalls ein
Axiom eine Hauptrolle: Allein der moderne Mensch sei durch seine Eingriffe in die Naturlandschaft für
diese Katastrophen verantwortlich. Er habe durch die Abholzung großer Waldflächen sowie mit der
Eindeichung von Flüssen, deren Begradigung für die Schifffahrt und zur Gewinnung von neuem
Kulturland in den Flußauen das natürliche Gleichgewicht in den Flusssystemen zerstört. Deshalb seien
ähnliche Katastrophen künftig immer häufiger zu erwarten, wenn man nicht sofort beginne, die
Aue-Landschaften zu "renaturieren". Der Begriff "Renaturierung", der bereits in die Tagespolitik
eingegangen ist und wie eine Keule gegen jeden weiteren Ausbau der Flüsse und der landwirtschaftlichen
Nutzflächen gebraucht wird, ist auch ein Axiom, mit dem geschichtliche Tatsachen auf den Kopf gestellt
werden. Der Ausbau der Flusssysteme von Oder und Elbe mit den großen Meliorierungen, die seit dem 17.
Jahrhundert besonders in Preußen großflächig vorgenommen wurden, war kein Eingriff in eine uralte
Naturlandschaft, sondern eher eine zaghafte Erneuerung von Wasserbauten, die die sächsischen
Neusiedler nach der "Christianisierung" des gleichen Areals zwischen dem 10. und 12. Jahrhundert
vorgefunden hatten, aber verfallen ließen und durch ein anderes Gewässersystem ersetzten. Dies hatte
schon nach kurzer Zeit fatale Auswirkungen auf die Kulturlandschaft. Gemeint ist der in zahlreichen
archäologischen Befunden, aber auch aus vielen überlieferten historischen Quellen bekannte "Mühlenstau"
des Mittelalters. Die Kolonisten griffen damals in das über mehrere Jahrtausende entwickelte "Öko-System"
ein, indem sie in dem übernommenen Gebiet Flüsse und Bäche zur Energiegewinnung mit Wassermühlen
aufstauten. Zugleich wurden große Waldflächen gerodet und aufgesiedelt. Diese Veränderung der
Landschaft bedeutete auch, dass der vorher über die Flüsse laufende Handelsverkehr mit Kähnen und
Schiffen nach und nach zum Erliegen kam und erst mit den Meliorierungen seit dem 17. Jahrhundert wieder
systematisch gefördert wurde. Mit dem Anstau der Gewässer im Mittelalter verloren die alten wendischen
Bewohner zudem ihre landwirtschaftlichen Nutzflächen in den Talauen. Sogar ihre Siedlungen mussten sie
wegen der fortschreitend künstlich erhöhten Wasserstände immer weiter auf die Hänge verlegen. So
wurden sie von Landwirten zu Fischern. Die sächsischen Eroberer des wendischen Gebiets störte das
wenig, sie rodeten die Wälder auf den Hochflächen und nahmen Neuland unter den Pflug, das nie zuvor
als landwirtschaftliche Nutzfläche gedient hatte. Mit den dadurch bewirkten Veränderungen des alten
ökologischen Gleichgewichts bereiteten sie die Grundlagen für die Flutkatastrophen in unseren Tagen:
Der Aufstau der Gewässer schuf große beruhigte Wasserflächen, in die bei jedem Regen der Mutterboden
der gerodeten Flächen abgespült wurde. Er lagerte sich dann als "Auelehm" in den Talungen ab. Der
Auelehm aus dieser Zeit hat das alte Kulturland überdeckt. Als sich nach kurzer Zeit, vielleicht weniger als
einem Jahrhundert, ein neues Gleichgewicht gebildet hatte, wuchsen diese aufgestauten Wasserflächen
durch das in unseren Breiten sehr schnelle Moorwachstum zu. Auf diese Weise sind damals die jetzt zur
Hochwasservorsorge geforderten "natürlichen Rückhaltebecken" in den Flussläufen - durch menschlichen
Eingriff - zugesetzt worden. Es ist auch nicht erkennbar, dass dies auf eine Veränderung des Meeresspiegels
und einen damit zu begründenden Rückstau der Flüsse zurückgeführt werden könnte. Offenbar stellt
deshalb das heutige Öko-System in den Flussgebieten von Elbe und Oder kein Gebiet dar, das "renaturiert"
werden müsste, sondern eher eines, dessen wohl bis in das 10. Jahrhundert noch bestehendes, aber
damals schon "künstliches" Gleichgewicht, wiederhergestellt werden sollte. Sicher scheint, dass das vor der
Ostkolonisation bestehende Öko-System wegen des seit dem Wendenaufstand von 983 fast zweihundert
Jahre dauernden Krieges zwar verwildert, aber nicht völlig untergegangen war. So konnten die Neusiedler,
die vorwiegend aus dem westlichen Deutschland kamen, auch erkennen, welche Flächen immer
hochwasserfrei blieben und dort ihre Städte meist nahe von älteren wendischen Siedlungen anlegen.
Das alte System beruhte jedoch auf anderen Grundlagen, als das der Neusiedler: Die Feld- und
Wiesenwirtschaft der alten Bewohner nutzte die Fließgewässer in den Flusssystemen Elbe und Oder
sowohl zur Regulierung des Grundwasserspiegels als auch - bei den jährlichen Hochwassern - zur
Düngung von Feld und Flur, wie aus den überlieferten Quellen hervorgeht. Ein Verfahren, das im
Spreewald noch heute gebräuchlich ist. Die vorwiegend sächsischen Neusiedler dagegen betrieben auf den
neugerodeten Flächen Regenfeldbau und gaben große Teile der alten Nutzflächen zugunsten der
Energieversorgung mit Wasserkraft auf - mit den schon erwähnten auf Dauer verheerenden Folgen.
Das Problem der Prähistorischen Archäologie besteht nun darin, dass sie bisher nicht in der Lage ist, die von ihr häufig selbst festgestellten Befunde korrekt in das historische Gerüst einzufügen. Ihr Geschichtsbild besagt, dass im nördlichen Mitteleuropa planmäßig vorgenommene Umgestaltungen des Lebensraumes durch großflächig wirksame Eingriffe in die Landschaft erst seit seiner "Christianisierung" denkbar seien. Akzeptiert man dieses Axiom, müssen alle vor diese Zeitspanne zu datierenden Befunde von Veränderungen im Wasserhaushalt des Gebietes anders, als durch menschliche Eingriffe entstanden, gedeutet werden. Deshalb wird die Erklärung krampfhaft in "natürlichen" Ursachen gesucht, und dieser "Befund" wird als Vorlage an die Nachbardisziplinen weitergegeben. Die suchen nun ebenso verzweifelt nach "natürlichen" Erklärungsmöglichkeiten. So wird je nach Bedarf eine Änderung des Meeresspiegels postuliert - ein beliebter Faktor an den Küsten - oder eine Hebung oder Senkung des Landes durch Veränderungen der in der nordmitteleuropäischen Tiefebene im Untergrund liegenden Salzstöcke herangezogen. Beliebt als "deus ex machina" ist auch das Klima, mit dem man meint, fast jede in den archäologischen Befunden festgestellte Trocken- oder Feuchtphase deuten zu können. Nun lassen sich all diese und noch weitere Faktoren als mögliche Einflussgrößen nicht grundsätzlich ausschließen. Vergleicht man jedoch entsprechende Entwicklungen in vielen Regionen der Alten Welt, so stellt man fest, dass der Mensch seit Jahrtausenden fast überall schnell auf naturbedingte Veränderungen seines Lebensraumes reagiert, oder ihn sogar für eigene Bedürfnisse bewusst umgestaltet hat. Das bedeutete, zu feuchtes Land trockenzulegen, zu trockenes zu bewässern und Flüsse umzuleiten, zu kanalisieren und durch Dammbauten sowie Talsperren zu bändigen oder für Trockenzeiten ein ausreichendes Wasserreservoir zu schaffen. Alle dies betreffenden archäologischen Befunde, die, wie in südlicheren Regionen, zahlreich auch in Mitteleuropa vorliegen, müssen künftig auch hier auf ihre Wechselwirkungen hin überprüft werden. Mit Gewissheit wird als Ergebnis ihrer Evaluation, um ein modernes Wort zu gebrauchen, ein neues Bild der alteuropäischen Zivilisation entstehen, die ganz analog auf neue Umweltbedingungen reagierte, wie alle Staaten der antiken Welt.
Das Oderbruch:
Zahlreichen archäologischen Befunden zufolge war die Bruchfläche mit etwa 700 Quadratkilometern, die mit den preußischen Meliorationen im 17. Jahrhundert aus einem Sumpfland zu einer fruchtbaren Kornkammer wurde, wenigstens über zwei Jahrtausende - etwa zwischen 1000 v.Chr. und 1000 n.Chr. – schon einmal besiedelt. In dieser Zeit lag die Auenfläche bis zu eineinhalb Metern unter dem heutigen Niveau. Da sich dort weder das Klima noch die Abflussverhältnisse der Flüsse grundlegend verändert haben, lässt sich die für so lange Zeit belegte Besiedlung des Bruches dadurch erklären, dass schon damals eine durch Deichbau und Kanalisation geformte Kulturlandschaft bestanden hat.
Das Oderhaff:
Oderabwärts, wo gegenwärtig auf deutscher Seite des binationalen Schutzgebietes eine heftige Auseinandersetzung um die Gestaltung des „Naturparks Unteres Odertal" stattfindet, liegen die Verhältnisse kaum anders: Wenigstens bis in das 12. Jahrhundert dürften große Teile der ausgedehnten Fläche des Oderhaffs Fruchtland gewesen sein, und diese müssen zwangsläufig unter dem Meeresspiegel der Ostsee gelegen haben. Der Meeresspiegel hat sich in den letzten 1000 Jahren nur um einige Dezimeter erhöht. Wenn aber beispielsweise bei den Ausgrabungen in Wollin heute die Hausböden der mittelalterlichen Häuser mehr als einen Meter unter dem Wasserspiegel liegen, muss der Pegel der Dievenow, die heute vom Wasserspiegel der offenen See abhängt, seinerzeit wenigstens um zwei Meter niedriger gelegen haben. Das Wissen um die im heutigen Oderhaff untergegangene alte Kulturlandschaft ist noch im 16. und 17. Jahrhundert vorhanden: So schreibt Martin Zeiller in Merians „Topographia Germaniae: Brandenburg / Pommern" aus dem Jahre 1652, im Abschnitt „Usedom" von großen Landverlusten: „Doch hat wol das Meer den grössesten Schaden dabey gethan. Dann dasselbige ist außgerissen / hat ein groß Theil von den Pommerischen Ländern versencket / und zugleich der Statt Winetae den garauß gemachet. Durch solche mächtige Fluten / und Ergiessung des Meeres / haben unsere Pommerische Länder underschiedliche mal grossen Schaden gelitten. Und halt ich darfür / daß da jetzund der Pommerische Boden voll Wasser liget / zwischen Rügen / und der Garoischen See / wol vorzeiten schöne Landschafften gewesen seyn. ... Also / da jetzund das grosse Haff mit Schiffen besegelt wird / ist zuvor Land gewesen / und hat man darauff gepflüget / und gesäet. Und es wissens die so an solchem grossen und frischen Hafe wohnen / daß noch immer fort das Land sich mehr und mehr wegspühlet / und das Wasser weiter umb sich frisset. Die Schiffleute bekennens auch / daß der Boden eine Anzeigung deß versunckenen Landes von sich gebe."
Weitere Beweise liefern alte Karten, so von A. Ortelius "Rugiae, Usedomiae, et Iulinae; Wandalicarum insularum Vera descriptio." aus dem Jahre 1584. Das Oderhaff, bis heute noch oft als „Frisches Haff" bezeichnet, wird dort zusätzlich als „lacus recens" bezeichnet, also „der vor kurzem entstandene Süßwassersee". Das wäre, wenn naturbedingt, nur durch eine plötzliche Landsenkung oder einen ebenso plötzlichen Anstieg des Meeresspiegels um wenigstens zwei Meter zu erklären, was kaum nachvollziehbar ist. Näher liegt die Erklärung, dass eine Sturmflut und/oder ein Jahrhunderthochwasser die Flussdeiche und die schweren Aussendeiche zur See zerstörten, oder aber, dass diese Ereignisse durch militärische Maßnahmen erfolgte, wie sie aus gleicher Zeit für andere Orte in den historischen Quellen mehrfach beschrieben werden. Diese Feststellungen zu überprüfen, sollte Aufgabe künftiger geowissenschaftlicher Forschungen sein.
Das "Untere Odertal", soweit es heute auf etwa 800 Quadratkilometer die Haffgewässer bedeckt, ist bis zu seinem Untergang anscheinend dem heutigen Kulturland in der Ebene des unteren Po in Italien weitgehend ähnlich gewesen, das seinerseits mehrere Meter unter dem Meeresspiegel liegt und in der großen Flutkatastrophe von 1951 zu einer 1130 Quadratkilometer großen Wasserfläche wurde. Dabei stand das Wasser an besonders tiefen Punkten über sechs Meter hoch. Diese Flächen hat man bald nach der Katastrophe wieder renaturiert, indem man das alte Kulturland zurückgewann, was an der Oder bisher nicht geschah! Im Gegenteil: Hier „renaturiert" man heute, indem man hochwertige landwirtschaftliche Nutzflächen durch teure Programme künstlich zu Sümpfen umformt.
Das Berliner Umland:
Berlin und sein Umland gelten in den einschlägigen geographischen Beschreibungen ebenfalls als von der Eiszeit geprägte Naturlandschaft, die erst mit Beginn der mittelalterlichen Ostsiedlung durch Wasserbauten entscheidend umgeformt wurde. Sie war jedoch vor 1200 mitnichten eine „Naturlandschaft". Das Abflussverhalten von Spree und Havel kann nicht erst seit etwa tausend Jahren, sondern muss schon seit Jahrtausenden durch den Bau von Dämmen verändert worden sein, so dass alle Pegelstände der Fließgewässer, der Seen und des Grundwassers weitgehend vom Menschen bestimmt wurden. Da es in den auf die Eiszeit zurückgehenden Urstromtälern keine natürlichen Barrieren gab, hätte die Gewalt jedes einzelnen Hochwassers die Landschaft erheblich verändert. Zuletzt bestand im 17. Jahrhundert sogar die Gefahr, dass die Havel wegen des stärkeren Gefälles über die Finow zur Oder abfließen würde, was nur durch Dammbauten bei Zerpenschleuse verhindert wurde. Dass die heutige Berliner Spreeinsel merkwürdigerweise im Gegensatz zu Köpenick und Spandau kaum Spuren einer wendischen Vorbesiedlung zeigt, kann auch auf menschliche Eingriffe in die Landschaft zurückgeführt werden. Lag das gesamte Gebiet am Unterlauf der Spree vor der Gründung Berlins vielleicht zum großen Teil unter Wasser, hervorgerufen durch eine ältere Staumaßnahme in bisher unbekannter Höhe und an bisher nicht ermittelter Stelle, wodurch die mächtigen Schlamm- und Moorschichten im Untergrund des Stadtgebietes zu erklären sind? Heute wird das Niveau von Spree und Havel in Berlin mittels Stau der Havel bei Brandenburg und Spandau, sowie der Spree durch die Schleusendämme in Charlottenburg und den Mühlendamm in Berlin-Mitte bestimmt. Es gibt Anhaltspunkte dafür, dass vor den großen Meliorierungen des Havellandes im 17. und 18. Jahrhundert weitere Staustufen bestanden haben, wie z.B. bei Sacrow
(Sacrow: sa krow: hinter dem Schutzdamm) südlich Berlins. In einer Naturlandschaft fehlen diese Dämme, die das Tal abriegeln und dadurch Staustufen bilden - es sei denn, man bringt sie, wie geschehen, als „Biberdämme" in die Diskussion ein. Ohne künstliche
Talverriegelungen wären durch die Kraft eines jeden Hochwassers große Teile der Havelseenkette und der Oberspree bis hin zum Spreewald wegen des dann stärkeren Gefälles gewissermaßen „ausgelaufen".
Die dann noch viel flacheren Gewässer wären zum Teil ganz trocken gefallen oder an ihren Uferzonen in wenigen Jahrzehnten vermoort und bald zu Nutzland geworden. Nicht zuletzt ist zu berücksichtigen, dass nach vorliegenden Kenntnissen das Abflussniveau der Elbe als aufnehmendem Vorfluter bis etwa zum Jahre 1000 um etwa einen Meter niedriger lag als heute. Dies hätte die „Austrocknung" des Havellandes sogar noch befördert, verstärkt durch eine für diese Zeitspanne allgemein angenommene Wärmeperiode. In einer Region, deren Gewässernetz schon vor der Christianisierung Deich- und Dammbauten die natürlichen Abflussverhältnisse stark veränderten, müssen an den Staustufen Durchlässe für die Schifffahrt bestanden haben. Dann wird es auch schon um die erste Jahrtausendwende Schleusen gegeben haben, mithilfe derer man den Verkehr auf den Wasserstraßen, den „Autobahnen" der damaligen Zeit, durchgängig halten konnte. Noch fehlen hier archäologische Nachweise für deren Vorhandensein in dieser Zeit, vermutlich auch, weil sie nicht in das geltende Geschichtsbild passen und nicht gesucht werden. Deshalb seien als Belege zwei Befunde von der dänischen Ostsee-Insel Samsø und von der Landenge zwischen Schleswig/Haithabu und Hollingstedt in Schleswig-Holstein angeführt.
Samsø (Kanhave Kanal):
Die Insel Samsø, zwischen Seeland und Jütland gelegen, bildet für den direkten Schiffsverkehr wegen ihrer Nord-Süd-Ausdehnung von 28 Kilometern einen Sperr-Riegel, der umfahren werden muss. Das nur etwa einen Kilometer schmale und wenige Meter über dem Meeresspiegel liegende Mittelstück der Insel wird durch ein molenartiges schmales Riff aus Flintknollen vor Überflutungen bei Stürmen aus östlicher Richtung geschützt. Durch die engste Stelle der Insel wurde um etwa 800 ein Kanal gegraben und mit einer Holzkonstruktion versehen. Er gilt als die älteste künstliche Wasserstraße im Ostseeraum. Nach den Ausgrabungsergebnissen wurde eine Rekonstruktionszeichnung veröffentlicht. Sie zeigt einen geraden Schnitt durch die Insel, auf der das Ostseewasser an der Westseite und das der Ostseite auf gleichem Niveau liegt, sodass die Wikingerschiffe auf kurzem Wege die Insel hätten queren können. Die vorgenannte Rekonstruktion ist in einem wesentlichen Punkt falsch, sie berücksichtigt nicht die natürlichen Bedingungen: Der Kanal wäre nur bei Windstille befahrbar, nicht aber bei den dort vorherrschen Winden von Ost über Nord bis West. Dann nämlich differiert der Wasserstand an jeweils einem Ausgang dieses Kanals durch den vom Wind erzeugten Wasserdruck wenigstens um einen halben Meter, bei Sturm sicher um weit mehr, es müsste sich also im Kanalbett eine heftige Strömung bilden. Jede Schifffahrt in dem Kanal wäre dadurch erheblich behindert worden. Schwerer noch wiegt die Gefahr, dass eine solche offene Konstruktion bei jeder größeren Sturmflut der See einen Angriffspunkt geboten hätte, die Insel Samsø in zwei Teile zu zerreißen. Da der Kanal aber über längere Zeit bestanden hat und die Insel heute nicht zweigeteilt ist, muss die Wasserstraße an beiden Enden durch Schleusen gesichert gewesen sein. Ob dies nun zwei Kammerschleusen waren oder man die gesamte Wasserfläche des Kanals als eine Kammer konstruierte, womit sehr schnell ganze Flotten passieren konnten, ist dabei unerheblich. Wichtiger ist auch hier die Feststellung, dass wieder ein Axiom die unkorrekte Rekonstruktion verursachte: Das heißt, Schleusen darf es so früh noch nicht gegeben haben!
Das Danewerk und die Wasserstraße zwischen Ost- und Nordsee.
In archäologischen Lehrbüchern ist nachzulesen, in der Wikingerzeit habe es über die Landenge bei Schleswig zahlreiche Schiffsbewegungen über den etwa 20 Meter hohen Landrücken zwischen Ost- und Nordsee gegeben. Die Boote seien zwischen Schleswig / Haithabu und Hollingstedt über etwa 16 Kilometer auf Rollen bewegt worden. Wieder verursacht das zuvor genannte Axiom, wonach man im nördlichen Mitteleuropa damals noch nicht in der Lage gewesen sei, Schleusen zu bauen, geradezu ein Monstrum als Erklärung. Die vor und nach der ersten Jahrtausendwende unbestreitbar zahlreichen Schiffsbewegungen über die Landenge sollen erfolgt sein, indem man die Schiffe mit ihrer Ladung mit Muskelkraft und primitiver Technik auf dem Landweg transportierte. Plausibel ist das nicht, zumal das Landschaftsbild die alte Struktur des Wasserweges noch konserviert hat. Auf der Scheitelhöhe der offenbar alten Wasserstraße liegen die Orte „Groß-Rheide" und „Klein-Rheide", was vom Worte „Reede", also Ankerplatz für Schiffe, hergeleitet wird. Die berühmte „Carta Marina" des Olaus Magnus von 1539 zeigt südlich entlang des Danewerks eine blaue durchgehende Linie, die einen Wasserlauf bezeichnet. Auch im ähnlich berühmten Atlas „Theatrum Orbis Terrarum" des Abraham Ortelius aus dem Jahre 1579 ( teilweise abhängig von Olaus Magnus?) wird dieser „Nord-Ostsee-Kanal" mit einer durchgehenden blauen Linie gekennzeichnet. Dieser Wasserweg zwischen Schleswig und Hollingstedt wurde offenbar durch verschiedene Staustufen für die Schiffahrt durchgängig gehalten. Die Dämme der Staustufen sind heute im Gelände deshalb noch erkennbar, weil auf ihnen die die Niederung kreuzenden Wege verlaufen. Am Danewerk-See, auf der Scheitelhöhe, ist das Danewerk niemals als Erdwerk oder Mauer ausgeführt gewesen. Dort lag dann ein idealer Grenzkontrollpunkt. Dieses System der Staustufen war mit hoher Wahrscheinlichkeit mit Schleusen versehen und wegen des heute noch hohen Grundwasserstandes sollten Reste der sicher mit Holz, Erde und Steinen gebauten Konstruktionen noch im Moorboden erhalten sein. Da die alten Wasserflächen heute landwirtschaftlich genutze alte Moorflächen sind,
sollte es möglich sein, festzustellen, wann die Torfbildung begann und wann sie in etwa abgeschlossen war. Damit kann ermittelt werden, wann diese Wasserstraße ihre alte Funktion verlor. Es ist irgendwie verblüffend, dass Archäologen mehrerer Generationen und aus vielen Nationen, die sich mit der frühen Geschichte des Danewerks, von Haithabu, Schleswig und Hollingstedt befaßt haben, dies nicht erkannt haben. Auch für Archäologen gilt anscheinend der Satz: "Man sieht nur, was man weiß", der besser abgewandelt wird in: "Man sieht nur, was man wissen will", weil tradierte Axiome das Vorstellungsvermögen beengen.
Die vorstehenden Ausführungen befassten sich vorwiegend mit der Frage, wie die Landschaft vor der
Christianisierung und dem Eintreffen der ersten Neusiedler im 12. Jahrhundert gestaltet war. Die Antwort
heißt: Sie muss vor den Verwüstungen während des im Jahre 983 ausgebrochenen und zweihundert Jahre
dauernden Wendenaufstands eine blühende Kulturlandschaft gewesen sein. Da diese im 10. Jahrhundert
voll ausgeprägt war, ist die neue Frage zu stellen, seit wann ihre Bewohner sie aus der nacheiszeitlichen
Naturlandschaft umgestaltet haben, wie diese Entwicklung verlief und ob sie gleichförmig war.
Es gibt aus der Antike schriftliche Überlieferungen, die wichtige Hinweise geben, dass Germanien in weiten Teilen schon damals eine Kulturlandschaft gewesen ist. Das geographische Werk des Ptolemaios erlaubt, für die Oder sogar zwei Mündungen zu benennen, die westlich des heutigen Peenestroms in die Ostsee flossen.
Das Oderdelta des Ptolemaios
Klaudios Ptolemaios hat im zweiten Jahrhundert n. Chr. eine Weltkarte zusammengestellt. Aus seiner Zeit ist zwar keine Karte erhalten, jedoch hat er - ganz modern - alle Ortsangaben in Breiten- und Längengraden verzeichnet. Diese Daten sind überliefert und bilden die Grundlage aller bis in das 16. Jahrhundert erschienenen "Ptolemäischen Karten". Unstrittige Fixpunkte für das Ostseegebiet sind u.a. die Koordinaten zur Mündung der Elbe, "die Wendung nach Osten" der Kimbrischen Halbinsel, also die Lübecker Bucht, und die Mündung der Weichsel. Zwischen der Weichselmündung und der "Wendung nach Osten" gibt Ptolemaios die Positionen dreier Flussmündungen an - hier, zum Unterschied von anderen großen Flüssen, nur der Mündungen, nicht ihrer Quellen. Deshalb sind in den verschiedenen Ptolemäischen Karten der Neuzeit zwischen der Lübecker Bucht und der Weichsel drei Mündungen eingezeichnet, deren Flussläufe dort senkrecht nach Süden in das Hinterland eingezeichnet sind, so dass sie als drei verschiedene Flüsse erscheinen. Die drei Namen der in die Ostsee mündenden Gewässer heißen Chálusos, Suebos und Viados, in verschiedenen Schreibweisen der antiken Überlieferungen. Da zwischen Elbe und Weichsel nur die Oder weit in das Hinterland reicht, hat die Wissenschaft seit Jahrhunderten diskutiert, welche Flussmündungen Ptolemaios gemeint haben könne. So hat sich gegenwärtig ein Konsens herausgebildet, wonach der „Chálusos", weil er bei Ptolemaios am weitesten im Westen liegt, die Warnow sei. Der „Suebos", weil mittig gelegen, sei mit der Oder identisch und die östliche Mündung sei wohl die Wipper in Hinterpommern. Dieser Konsens verblüfft insofern, als in gedruckten Quellen und Karten bis in das 17. Jahrhundert sowohl der Suebos als auch die
Viadra/Viados des Ptolemaios mit der Oder gleichgesetzt werden. Der "Chálusos" ist in diesen Quellen nur noch namentlich bekannt. Hier gibt es jedoch eine interessante Verknüpfung: Der Name "Chálusos" dürfte der gräzisierte germanische Name für *halsa- "Meerenge" sein. Folgt man dem, dann ist der bei Plinius und Solinus genannte "Guthalus" bzw. "Guttalus" ebenfalls die Oder, denn Guttalus ist wohl als "Hals" oder "Kehle" zu übersetzen (guttur: Gurgel, Kehle; guttus: enghalsiger Krug). So dürften beide Bezeichnungen den gleichen, ehemals westlichsten Oderarm bezeichnen, den Adam von Bremen im 11. Jahrhundert noch als "wasserreichsten" benennt, der aber bald darauf trockengefallen sein muss. So entsteht eine plausible Erklärung für die drei Mündungen Chálusos, Suebos und Viadra/Viados des Ptolemaios. Sie bezeichnen offenbar nicht drei eigenständige Flüsse, sondern drei
Mündungen der Oder, deren altes Delta gegenüber dem heutigen jedoch viel weiter nach Westen reichte. Die Oder floss demnach damals in mehreren Armen in die Ostsee, von denen anscheinend nur der Peenestrom (die Viadra), mit einer heutigen Mündung übereinstimmt.
Ptolemaios gibt auch die Mündungen des Rheins in die Nordsee an, wobei er aus dem römisch besetzten Rheinland eher wissen konnte, dass die verschiedenen Rhein-Mündungen, die eigene Namen tragen, Arme ein- und desselben Flusses waren.
Das Problem ist wiederum gleich: Die Archäologie und, abhängig von ihr die Quartärgeologie und die historische Geographie, behaupten, solch ein Abfluss der Oder in einem mehr westlichen Delta könne nur kurz nach dem Ende der Eiszeit bestanden haben. Das natürliche Gefälle sei das heutige, weshalb ein anderer Abfluss nur durch künstliche Beeinflussung des Ablaufs mittels Wasserbauten hätte erfolgen können, die - so das Axiom - in unserem Raum undenkbar seien. In den Abschnitten zum Oderbruch und zum Oderhaff wurde schon festgestellt, dass diese Gebiete wenigstens zwei Jahrtausende lang, bis in das 10. bis 11. Jahrhundert, fruchtbares Siedlungsland gewesen sind. Akzeptiert man die Angaben des Ptolemaios in der hier vorgetragenen Version, dann bestätigen sie den Bestand dieses Kulturlandes bereits zu seiner Zeit.
Flussumleitungen in der nordmitteleuropäischen Tiefebene während der Bronzezeit.
Eine vom Verfasser seit über zwanzig Jahren auf Grund eigener Forschungsergebnisse erarbeitete Theorie erklärt die Entwicklung des heutigen Gewässernetzes zwischen Oder und Elbe neu, insbesondere die Flussläufe von Spree und Havel. Beide Flüsse, die in die Elbe entwässern, sind demnach wohl während der späten Bronzezeit um 1000 v. Chr. (vielleicht sogar früher) durch Wasserbaumaßnahmen der Bewohner dieser Region in ihr heutiges Bett geleitet und zu einem Gewässernetz verknüpft worden. Beide Flüsse durchschneiden zudem eiszeitliche Endmoränen, anstatt die von der Natur vorgeprägten Ablaufrinnen zu benutzen und verbinden sich schließlich bei Berlin-Spandau zu einem gemeinsamen Lauf. Hierbei fällt auf, dass die wasserreichere Spree in die Havel fließt, obwohl diese nur einen Bruchteil der Wasserführung der Spree besitzt. In der Geographie gilt allgemein, dass der wasserreichere Fluss dem einfließenden Nebenarm den Namen gibt. So nimmt eigentlich die Spree die Havel auf, trotzdem gibt die Havel dem Unterlauf der Spree ihren Namen. Es scheint, dass die Havel, die ebenso wie die Spree, jedoch von Norden her, verschiedene Eisrandlagen schneidet, nach Süden umgeleitet wurde, noch bevor man die Spree zwang, nach Norden zu fließen. Sie nahm also den „neuen" Fluss Spree in sich auf, weshalb die Havel ihr nach dem Zusammenfluss den Namen gab.
Fazit:
Versuchen wir, aus den zuvor geschilderten Zusammenhängen weitere Schlüsse zu ziehen. Es gibt noch andere Axiome, die die offensichtliche Geschichtsklitterung in Bezug auf die "Septentrionales", die germanischen Völker "unter dem Großen Wagen" erklären. Sie sind die ganz bewusst schon vor Jahrhunderten in viele Quellen eingegebenen Behauptungen, diese Völker seien von alters her bis zu ihrer "Christianisierung" des Schreibens unkundig und bis zu ihrer Taufe niemals in der Lage gewesen, staatliche Strukturen zu bilden und große politische Einheiten zu bilden. Sie seien also, im Gegensatz zu den Bewohnern der "zivilisierten" Mittelmeeranrainer, von jeher "primitiv" gewesen. Plausibilitätsüberlegungen, aber auch historische Belege, führen genau zum gegenteiligen Ergebnis: Wie hätten die „primitiven" Völker aus dem Norden Europas, die in der sog. Völkerwanderungszeit sich großer Teile des alten römischen Reiches bemächtigten und dort über mehrere Generationen mächtige Staaten gründeten, dies tun können, ohne etwas von „Staatskunst" zu verstehen? Die Staaten, die sie schufen, waren nach heutigen Begriffen fast moderne Rechtsstaaten, die ihren Bürgern tolerant und gerecht gegenübertraten. Sie schufen blühende Landschaften, gewannen oder rekultivierten in den von ihnen beherrschten Ländern von Andalusien bis zur Krim durch den Aufbau und die Erweiterung von Bewässerungssystemen in den Talauen der Flüsse neues Kulturland. Wie hätten das die Langobarden in
Italien, die Goten in Ost- und Westeuropa und die Wandalen im Süden Spaniens und in Nordafrika je ohne Kenntnisse aus eigenen Traditionen schaffen können? Wie hätten sie außerdem, ohne von ihrer Bevölkerung als gerechte Herrscher anerkannt zu sein, das Werk vollbringen können? Jedenfalls ist der geschichtlichen Überlieferung nicht zu entnehmen, dass die germanischen Herrscher der Völkerwanderungszeit sich als besondere Tyrannen hervortaten, die dieselbe Bevölkerung dann in unguter Erinnerung hätte. Auch dass Goten und Wandalen im 6. Jahrhundert des Schreibens und Lesens mächtig waren, ist unwidersprochen.
Der unheilvolle Einfluss eines wenigstens zum großen Teil falschen Geschichtsbildes der Archäologen wirkt bis in die historischen Wissenschaften hinein: Die Quellen der Historiker bestehen zumeist aus schriftlichen Dokumenten antiker Sprachen, in der deutschen Frühgeschichte z.B. fast immer in Latein. Sie müssen erst übersetzt werden, bevor benachbarte Disziplinen, die sich mit dem gleichen Forschungsgegenstand beschäftigen, sie verstehen und auswerten können. Wird nun beispielsweise das lateinische "paludes" vom Übersetzer als "unergründliches Sumpfland" interpretiert und übersetzt, geht damit ein grundlegender Fehler in alle künftigen Bearbeitungen ein, die diese Übersetzung als Quelle nutzen. Die ursprüngliche Quelle meinte ein Marschenland an der See oder die „goldenen Auen" im Binnenland, die gerade aus diesem Grund das eigentliche Ziel aller römischen Eroberungsversuche Germaniens waren.
Noch negativer für den Fortschritt der Forschung wirkt sich aus, wenn Archäologen und Historiker ein miteinander abgestimmtes Weltbild verbreiten und nur scheinbar sichere Interpretationen von Befunden und Texten z.T. mit eigenen Begriffen als "Stand der Forschung" veröffentlichen. Das mag vertretbar sein, wenn in einem Anmerkungsteil gegenteilige Möglichkeiten zitiert werden. Es kann aber nicht sein, wenn z.B. in verschiedenen historischen Quellen unterschiedliche Ortsnamen aufgezeichnet sind, wie etwa zum Problem "Vineta" die Namen: Jumne, Vinneta, Jumneta, Julin, Vuolin, Jomsborg usw. Unbestritten stehen sie in irgendeinem historischen und geographischen Beziehungsgeflecht, müssen aber nicht denselben Ort bezeichnen. Doch werden sie heute alle in vielen wissenschaftlichen Publikationen unter dem Namen des Städtchens Wollin auf der gleichnamigen Insel subsumiert, weil dort reiche archäologische Funde zu Tage gefördert wurden und es gegenwärtig „communis opinio" ist, Wollin sei das alte Vineta.
Das andere Geschichtsbild der Archäologie Alteuropas im 19. Jahrhundert:
Im frühen 19. Jahrhundert nahm die Archäologie im nördlichen Europa vom Atlantik bis in das Baltikum einen kräftigen Aufschwung. Die Archäologen aus diesen Regionen versuchten durch systematisches Sammeln von Hinterlassenschaften der scheinbar schriftlosen Kulturen aus vorchristlicher Zeit und durch eigene Ausgrabungen die Bodenurkunden zu systematisieren und als eigenständige Geschichtsquellen auszuwerten. Sie legten dadurch die Grundlagen für ein Weltbild, gemäß dem die Kulturen im nördlichen Alteuropa seit der Jüngeren Steinzeit in enger Wechselwirkung mit denen der mediterranen Welt gestanden haben. Das betrifft beispielsweise die neolithischen Steinreihen von Carnac in der Bretagne und das berühmte Stonehenge ebenso, wie die bronzezeitlichen Herrschergräber „Kung Björns Hög" in Schweden und das „Königsgrab von Seddin" in der Prignitz. Im Norden hatte man die Eigenständigkeit der heimischen Kulturen, aber auch ihre enge Verknüpfung mit denen der Mittelmeerwelt sehr früh erkannt. Andererseits konnten sich noch gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland einige Archäologen die reichen und qualitätsvollen Zeugnisse der Älteren Nordischen Bronzezeit nur als Importe aus Etrurien oder anderen Gegenden des Südens vorstellen, da kein gut gearbeitetes Stück aus Bronze von den nordischen Barbaren verfertigt worden sein könne. Diese Auffassung ist heute überwunden, dennoch verlor das in seinen Grundannahmen korrekte Geschichtsbild der engen Verbundenheit der alten Kulturen des Südens mit denen des Nordens seit dem beginnenden 20. Jahrhundert merkwürdigerweise an Bedeutung.
Aus der immensen Fülle des inzwischen in den Museen und Sammlungen zusammengetragenen Materials wurde im 20. Jahrhundert vorwiegend versucht, die Strukturen einzelner regionaler Kulturen und Kulturgruppen zu beschreiben und ihre gegenseitigen Abhängigkeiten zu erklären. Mit der Betonung der Nationalstaaten in Europa verlor auch die Archäologie den Blick auf das Ganze und verfiel in "Kleinstaaterei". Ein hauptsächlich ideologischer Ansatz während des "Dritten Reiches", die Archäologie zur Begründung einer "germanischen Oberherrschaft" über ganz Europa heranzuziehen, fand damals zu Recht keinerlei Anklang bei den meisten Facharchäologen. Die damalige Auseinandersetzung erschwert aber noch heute, mehr als 50 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, die Gedankengänge aufzunehmen, die große Archäologen, wie die Dänen Christian Jürgensen Thomsen und Sophus Müller, die Schweden Oscar Montelius und Nils Åberg und der Deutsche Carl Schuchhardt – aber auch andere – im 19. Jahrhundert schon klarsichtig formuliert hatten: Die gemeinsame Geschichte der Staaten der Europäischen Union beruht offenbar auf Traditionen, die über Jahrtausende zurückreichen. Sie unter diesen Gesichtspunkten gezielt zu erforschen, ist eine lohnende Jahrhundertaufgabe, die Wichtiges zur Identität der Europäischen Gemeinschaft beitragen kann und wird.
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